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Fachthema · KI im Einkauf

KI im Einkauf: weniger abtippen, besser entscheiden

Über künstliche Intelligenz wird viel geredet – meist über Visionen. Mich interessiert die praktische Frage: Welche Arbeit im Einkauf eines mittelständischen Sondermaschinenbauers kann KI heute übernehmen, wo reicht eine gute Auswertung – und woran scheitern solche Projekte wirklich?

Die LückeDie Belege sind digital – aber ihre Daten werden oft noch von Hand ins ERP übertragen.
Der HebelNicht das Abtippen ersetzen, sondern Lieferantendokumente automatisch mit dem ERP abgleichen.
Die HürdeSelten die Technik – meist Datenschutz, IT-Freigabe und eine saubere ERP-Schnittstelle.

Digital ist noch nicht automatisch

Hinter jeder Bestellung stehen mehrere Belege – und schon vorher Stückliste und Bedarfsanforderung:

Stückliste
→
Bedarf
→
Bestellung
→
Auftrags­bestätigung
→
Lieferschein
→
Rechnung

Bei einigen tausend Bestellungen im Jahr kommen schnell zehntausende Belege zusammen. In vielen Unternehmen liegen sie längst digital vor – ihre Inhalte werden aber Beleg für Beleg geprüft und von Hand übertragen, manche sogar zweimal. Jeder Übertragungsfehler am Anfang der Kette setzt sich bis in die Montage fort.

Mensch und KI – nicht Mensch oder KI

Ziel ist nicht, Einkäufer zu ersetzen, sondern Routine abzugeben und Entscheidungen beim Menschen zu lassen. Prof. Lichtenthaler (ISM Köln) spricht von „integrierter Intelligenz“: Der Vorteil entsteht aus KI plus Fachwissen – nicht aus einem Standardwerkzeug.

KI übernimmtRoutine mit klaren Regeln – etwa Belege auslesen und der richtigen Bestellung zuordnen.
KI bereitet vorAbweichungen, Vergabe, Verhandlung, Vertragsrisiken – entscheiden tut der Mensch.
Der Mensch bringt einWissen über Teile, Verfahren, Lieferanten und Kunden – im Sondermaschinenbau der eigentliche Kern.

Realistisch bleiben: Laut einer vielzitierten MIT-Studie aus 2025 erkennen rund 95 % der Unternehmen keinen klaren wirtschaftlichen Nutzen ihrer KI-Initiativen. Mein Schluss daraus: wenige, messbare Anwendungsfälle statt einer breiten Einführung. Die Arbeit im Einkauf wird sich verändern – wegfallen wird sie nicht.

Sechs Felder, in denen KI Arbeit abnimmt

01BelegverarbeitungAuftragsbestätigungen auslesen und mit der Bestellung abgleichen, Liefertermine überwachen, Rechnungen ohne Doppelerfassung prüfen. Nur Abweichungen landen beim Menschen.
02RechercheFertiger für Verfahren und Werkstoffe finden – auch im Ausland –, Alternativen bei Abkündigungen, Kostenschätzung für Zukaufteile aus Zeichnungen.
03KommunikationAnfragen, Reklamationen und Preisabwehr in mehreren Sprachen. Der Wert entsteht erst mit Belegen: Indizes, Preishistorie, Vertragslage.
04AuswertungBündelung, Preisentwicklung, Lieferantenbewertung, indirekten Bedarf klassifizieren – und Fragen an das ERP in normaler Sprache stellen.
05Risiko & ComplianceUrsprungsnachweise, Kundenauflagen, Sanktionslisten, Zolltarif-Vorschläge – und Dubletten in den Stammdaten finden.
06Lieferanten­managementOnboarding vorprüfen, Reklamationen und Audits auswerten, Abhängigkeit von Einzellieferanten sichtbar machen.

Ein Wort zu Verhandlungs-Bots: Für Zeichnungs- und Einzelteile im Sondermaschinenbau sind sie ungeeignet. Ein Test lohnt höchstens bei C-Teilen und indirektem Bedarf – etwa bei Zahlungszielen mit Kleinlieferanten.

KI oder BI? Die wichtigste Unterscheidung

Ein großer Teil der Ideen braucht gar keine KI, sondern klare Regeln und gute Auswertungen (Business Intelligence). Die Faustregel:

KI: lesen, verstehen, formulieren

  • Auftragsbestätigungen und Lieferscheine auslesen
  • PDF-Rechnungen und Angebote auslesen
  • Lieferanten und Produkte recherchieren
  • Anfragen, Mahnungen, Preisabwehr formulieren
  • Vertragsklauseln vorprüfen
  • Uneinheitliche Stücklisten und Freitext-Anforderungen verstehen

BI: rechnen, vergleichen, zählen

  • Abweichungen bei Preis, Menge, Termin prüfen
  • Bestellung, Wareneingang und Rechnung abgleichen
  • Angebote vergleichen, Gesamtkosten rechnen
  • Lieferanten nach Termintreue und Qualität bewerten
  • Preisentwicklung und Bündelungspotenzial
  • Stücklisten per Schnittstelle ins ERP übernehmen

Wo anfangen? Aufwand gegen Nutzen

Nutzen ↑
Hoher Nutzen · geringer AufwandSchnelle ErfolgeRecherche · Schreibentwürfe und Preisabwehr · Angebote in den Preisspiegel auslesen · Verhandlungsvorbereitung
Hoher Nutzen · hoher AufwandGroße ProjekteAuftragsbestätigungen prüfen (Pilot) · Lieferterminüberwachung · Rechnungsabgleich · Preis- und Bündelungsanalysen · Kostenschätzung aus Zeichnungen
Geringer Nutzen · geringer AufwandNebenbei mitnehmenAGB-Abgleich · Zolltarif-Vorschläge · Stammdaten-Dubletten · indirekten Bedarf klassifizieren
Geringer Nutzen · hoher AufwandSpäter prüfenLieferantenrisiko-Monitoring · klassische Bedarfsprognose · Verhandlungs-Bot
Aufwand →

Woran es wirklich scheitert

Erfahrungsgemäß seltener an der KI als an Freigaben, Schnittstellen und Datenqualität:

Datenschutz & ITLieferanten-, Preis- und Konstruktionsdaten dürfen das Haus nicht unkontrolliert verlassen. EU-Hosting, Auftragsverarbeitungsvertrag, kein Training mit eigenen Daten – und die IT von Anfang an einbinden.
ERP-AnbindungNie direkt in die ERP-Datenbank schreiben: Das umgeht Plausibilitätsprüfungen und gefährdet den Support. Nur über die offizielle Import-Schnittstelle oder API.
Fehlerhafte ErgebnisseFalsch gelesene Preise, erfundene Fakten bei Recherchen. Abweichungen gibt immer ein Mensch frei; Recherchen werden mit Quellen geprüft.
StammdatenUnsaubere Artikel- und Lieferantendaten verhindern jede automatische Zuordnung. Erst bereinigen, dann automatisieren.
KostenNeben der Grundgebühr oft Kosten pro Dokument, dazu Einrichtung und Pflege. Gegen die heutige Zeit pro Beleg rechnen.
Recht & AkzeptanzDie EU-KI-Verordnung verlangt KI-Kompetenz der Mitarbeitenden. Kurze Schulung, klare Nutzungsregel – und offen sagen: Es geht um Entlastung, nicht um Stellenabbau.

Und für die Beschaffung der KI selbst gelten die Regeln des Einkaufs: Gesamtkosten über die Laufzeit statt Lizenzpreis, Pilot vertraglich getrennt von der Ausweitung, vergleichbare Kriterien bei mehreren Anbietern.

Mein Vorgehen: klein anfangen, sauber messen

  1. Einen eng umrissenen Pilot wählen – am besten die Prüfung von Auftragsbestätigungen
  2. Heute messen: Belege pro Jahr, Minuten pro Beleg, Fehlerquote
  3. Parallel ein datenschutzkonformes KI-Werkzeug für Recherche und Schreiben freigeben lassen
  4. Nach der Pilotphase ehrlich bewerten: Zeit pro Beleg, Fehlerquote, Akzeptanz
  5. Erst dann auf Lieferscheine, Rechnungen und weitere Bereiche ausweiten
Mein Fazit Lesen, verstehen, formulieren – das kann KI. Rechnen, vergleichen, zählen – das können gute Auswertungen schon heute. Wer beides auseinanderhält und mit dem lästigsten Routinejob anfängt, verschafft sich Vorteile, die bleiben.

Dieser Beitrag gibt meine persönliche Einschätzung wieder, nicht die meines Arbeitgebers.

Wo stehen Sie mit KI im Einkauf?

Ich tausche mich gern aus – über erste Erfahrungen, Stolpersteine und das, was wirklich funktioniert.