← Zu den Fachthemen

Zur Diskussion · Materialwirtschaft

Make or Buy: vom Sandkasten zur Überlebensfrage

Make or Buy war lange eine Rechenübung – etwas für Seminare und Fallstudien. Heute zwingen zwei Entwicklungen zur Entscheidung: Die Kapazität schrumpft von innen, weil geburtenschwache Jahrgänge die Fachkräfte knapp machen. Und der Preisdruck kommt von außen, durch Wettbewerber aus dem Ausland. Wo sich beide Linien treffen, wird aus dem Sandkastenspiel eine Überlebensfrage.

Eine These zur Diskussion: Was hier folgt, ist meine Sicht aus über vier Jahrzehnten Sondermaschinenbau – kein Lehrbuch-Leitfaden. Zustimmung und Widerspruch sind gleichermaßen willkommen.

Zwei Wege, zwei Stärken

OP am offenen Herzen Make
  • Kurze Wege, wenn Kunde oder Konstruktion etwas ändern
  • Höchste Reaktionsfähigkeit, maximal flexibler Handlungsrahmen
  • Know-how bleibt im Haus
  • Eigene Spezialisten, die die Maschine kennen
  • Termin-Hoheit – wobei gutes Supply Chain Management auch Lieferanten-Termine steuern kann

Preis: großer Maschinenpark, hohe Investitionen, Wartung und Fixkosten.

Atmen mit dem Markt Buy
  • Variable statt fixer Kosten
  • Kapazitätsspitzen abfedern, ohne Maschinen vorzuhalten
  • Kein Investitions- und Wartungsballast
  • Unabhängiger von der eigenen Personaldecke

Aber: Die Demografie trifft die Lohnfertiger genauso. Und Online-Fertigungsplattformen stoßen bei echten Einzelteilen an Grenzen.

Die Kosten, die in keiner Kalkulation stehen

Versteckte Kosten gibt es auf beiden Seiten – und wer nur eine Seite betrachtet, rechnet sich die Entscheidung schön.

Beim Buy

  • Längere Wege, wenn sich Zeichnung oder Termin ändern
  • Abstimmung, Rückfragen, Zeichnungsklärung
  • Qualitätsprüfung im Wareneingang
  • Transport und Liefertreue

Beim Make

  • Spontane Fremdvergaben bei Maschinenstillstand
  • Ausfall von Spezialisten durch Krankheit
  • Kapazitätsengpässe, die per Eilauftrag gelöst werden

Das sind genau die Feuerwehr-Einsätze aus Beschaffen vs. Einkaufen – und die sind immer teurer als eine geplante Vergabe.

Diese Eilvergaben werden oft als Einzelfall gebucht und nie zusammengezählt. Dann fehlen sie in jeder Make-or-Buy-Rechnung – und die eigene Fertigung sieht günstiger aus, als sie ist.

Richtig rechnen

Zuerst werden Herstellkosten und Zukaufpreis verglichen, die Zuschläge kommen zum Schluss – und zwar nur die, die bei einer Fremdvergabe tatsächlich entfallen. Halle, Maschine und Verwaltung verschwinden nicht, nur weil ein Teil außer Haus gefertigt wird. Wer den vollen Zuschlagssatz gegen den Zukaufpreis stellt, lässt Buy auf dem Papier besser aussehen, als es ist – und rechnet die eigene Fertigung Stück für Stück aus dem Markt.

Was nie rausgeht: das Herzstück

Jede Maschine hat ein Herzstück. Das, was sie von allen anderen unterscheidet, gehört nicht in fremde Hände – ganz gleich, was die Kalkulation sagt. Welche Teile das sind, muss jedes Unternehmen für sich festlegen. Aber es muss sie festlegen, bevor es über alles andere verhandelt.

Alles andere darf raus – aber nicht ungeprüft

Aus Erfahrung: Ein Lieferant bekam über längere Zeit Aufträge, ohne dass er je richtig geprüft wurde. Es lief ja. Bis er in die Insolvenz ging – und mit ihm die Teile, die Termine und das Wissen, wie man sie fertigt. Buy ohne Prüfung ist keine Entlastung, sondern ein Risiko.

Vor der Vergabe prüfenBonität, Abhängigkeit und Leistungsfähigkeit bewerten – nicht erst, wenn es brennt.
Immer einen Plan BDual Source heißt Sicherheit: ein qualifizierter zweiter Lieferant in der Hinterhand, nicht jede Menge halbieren.

Und das Ausland?

Wenn Kapazität und Preis die Treiber sind, führt Buy auf Dauer oft ins Ausland. Das ist eine harte Konsequenz, und man kann sie bedauern. Aber Wegschauen ändert nichts daran: Wir im Einkauf müssen uns damit beschäftigen, um Erfolge zu erzielen. Mit offenen Augen – denn der niedrigere Angebotspreis ist noch nicht die niedrigere Gesamtrechnung. Längere Wege, Abstimmung und Transport gehören in den Vergleich.

Meine These: Make und Buy

Die bessere Frage lautet nicht Make oder Buy. Sondern: Make für das Herzstück – und feste, geprüfte Partner mit Plan B für den Rest. Statt Feuerwehr in beide Richtungen: spontane Eilvergaben auf der einen Seite, ungeprüfte Lieferanten auf der anderen.

Zur Diskussion gestellt
  • Rechnen Sie Make or Buy mit vollen Zuschlägen – oder nur mit den Kosten, die wirklich entfallen?
  • Was ist bei Ihnen das Herzstück, das nie das Haus verlässt?
  • Ist Buy im Ausland für Sie eine Chance – oder eine Notlösung?
Mein Fazit Make or Buy ist keine Rechenübung mehr. Wer das Herzstück schützt, ehrlich rechnet und immer einen Plan B hat, entscheidet selbst. Wer sich nicht damit beschäftigt, dem nimmt der Markt die Entscheidung ab.

Dieser Beitrag gibt meine persönliche Einschätzung wieder, nicht die meines Arbeitgebers.

Widerspruch erwünscht

Wie entscheiden Sie zwischen eigener Fertigung und Zukauf? Ich freue mich über Erfahrungen – gerade über die, die anders verlaufen sind.